Tierisch menschlich - Geschichten von Andrea Pfaucht

Liebe Tierhalter/-innen,

Tierarztbesuche sind definitiv nicht immer gerade das, worauf man sich freut wie aufs Christkind, aber auch nicht immer ganz schlimm. Neben Routine- und Notfallkontakten gibt es auch immer wieder angenehme oder gar lustige Begebenheiten.

Und dann wird es TIERISCH MENSCHLICH.

Eigentlich viel zu schade, um all das unter den (Behandlungs-) Tisch fallen zu lassen, und deshalb gibt es künftig in lockerer Reihenfolge Lustiges, Kurioses oder auch mal Dinge zum Nachdenken in unserer neuen Kolumne.
Da nicht immer nur das Pferd als solches wiehert, sondern meist auch der Amtsschimmel, auch genannt Datenschutz, sind die meisten Namen und Rassen in den Geschichten etwas verfremdet, beruhen aber immer auf einer wahren Begebenheit. Mit einer Ausnahme: Das, was aus dem eigenen Erlebnisschatz von Andrea Pfaucht kommt, ist immer pur und unverfälscht, sei es auch noch so schräg…

Wir wünschen viel Spaß beim Lesen und hoffen, dass damit auch ein wenig die Angst vor den Untersuchungen genommen werden kann.

In diesem Sinne, liebe Zwei- und Vierbeiner: Bleibt alle gesund!

Ihr Praxisteam

Backe, backe, Hundekuchen

Lucy. Klein, dünn, ängstlich. Ein winziges transsilvanisches Tierchen, gerettet aus einer rumänischen Tötungsstation. Jetzt ist sie bei mir eingezogen…
Hätte mir vor einem halben Jahr jemand gesagt, dass es Hunde gibt, die nicht fressen wollen, ich hätte ihn als Ignoranten und Nichthundemensch ins Reich der Märchen und Sagen verbannt.

Lucy lehrte mich eines Besseren!

Dosenfutter? „Ach herrje, das ist bestimmt giftig, unverdaulich oder zumindest schädlich.“
Trockenfutter? „Au weia. Was ist das denn? Kann man das wirklich essen? Magenkrämpfe sind mir da bestimmt sicher.“
Sündhaft teures High-Premium-Sterne-Super-Hunde-Menü? „Hm, riecht gut, verführerisch. Ich würde ja gerne, traue mich aber nicht.“
Leckerchen? „Bleib mir bloß vom Leib!“
Hühnchen? Selbstgekocht? Mit Nudeln? „Könnte man ja vielleicht mal wagen…“

Lucys Frauchen ist definitiv alles andere als eine begnadete Hausfrau, aber wenn es um das Wohl des Wauzis geht, kann sie sich ja mal als Kaniden-Köchin versuchen…
„Frisst nicht, gibt’s nicht“ und „Sitz! Platz! Plätzchen!“ – so die Titel der Hundekochbücher – sollen Neues in den Napf bringen und den Suppen- bzw. Futterkasper zum Gourmet erziehen.
Leberwurst wird ganz gerne genommen, also was liegt näher, als Leberkekse zu backen?
Zumal man lediglich Geflügelleber, Dinkelmehl, Buttermilch und Sonnenblumenöl auf die Einkaufsliste setzen muss. Kann ja nicht so schwer sein.

Also ab zum Metzger. „Geflügelleeeber? Nööö, hammwer nich! “ Zum Glück gibt’s welche im Supermarkt. Tiefgefroren. 250 g sind nötig für die Kekse, 500 g sind in der Packung. Was soll’s. Gibt’s halt auf dem Familienspeiseplan Leber. Die mag außer dem Hund zwar nur das Frauchen, aber egal.

So. Auf geht’s.

Schritt eins: Leber auftauen. Geht zwar relativ schnell, aber in der Küche sieht es aus, als hätte das vielzitierte Kettensägenmassaker stattgefunden. Ziemlich blutige Angelegenheit. Na, macht nix. Dank Corona kann ja niemand in die Wohnung und der Besuch von Staatsanwalt und Kripo bleibt mir somit erspart.

Schritt zwei: Die Leber sehr fein zerkleinern. Mit dem Fleischwolf. So ein Ding hat die Superköchin zwar nicht, aber immerhin findet sich ein Stabmixer. Leber in die Schüssel, Stabmixer an und fertig ist das Schlachthausambiente. Sieht aus wie feinpürierte Leichenteile eines Vollblutvampirs. Muss man mögen…

Schritt drei: Sonnenblumenöl und Buttermilch dazu. Puh. Die Purpurpampe verfärbt sich in ein etwas geschmeidigeres Rosa. Fehlt nur noch das Dinkelmehl. Hm, wie Plätzchenteig sieht das irgendwie nicht aus. Erinnert eher an Kinderknete aus Grundschultagen. Wie auch immer, nach der Kühlschrankruhe werden sich die Plätzchen mit den hübschen Hundeförmchen schon ausstechen lassen.

Schritt vier: Unterlage bemehlen, Teig ausrollen und Plätzchen ausstechen. Dem Himmel sei Dank, dass ich das Ganze nicht auf dem eigentlich perfekt dafür geeigneten Marmortisch in Angriff genommen habe, sondern in weiser Voraussicht Backpapier ausgepackt habe.

Von wegen ausrollen.

Die Pampe pappt patzig am Nudelholz und macht nicht die geringsten Anstalten, sich auf das Papier zu schmiegen. Zu wenig Mehl? Na gut, dann halt mal mehr davon und den Teig von der Rolle holen.
Denkste! Das Zeug klebt wie Pattex, man könnte es alternativ auch als schnellfestigenden Mörtel zum raschen Hochziehen von Neubauten verwenden. Die Mauern sind damit definitiv für die kommenden Generationen erdbebensicher.
Meine Hände sehen aus, als hätte ich eine Operation am offenen Herzen ohne Skalpell durchgeführt.
Irgendwie gelingt es mir dann doch noch, die Masse zu einer glatten Fläche zu verarbeiten. Her mit den Ausstechförmchen! Harr harr! Plätzchen ausstechen. Sehr lustig! Förmchen rein in den Teig und schon hebt sich die mühevoll ausgerollte Fläche trichterförmig am Ausstecher klebend in die Höhe. Backpapier inklusive.

Plan B muss her, die Pampe aufs Blech. Bloß wie? Mittlerweile hat sich Backpapier Nummer eins fest und liebevoll mit der Vampirknetpampe vereinigt und macht wenig Anstalten, sich trennen zu wollen.

Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass diesen Gestank selbst mein Wauzi, das sonst jedem noch so widerlichen Hundehaufen wohlwollend zugetan ist, nicht mag?

Stunden später… Der Rücken schmerzt, die Nase rebelliert, aber der Superkleber ist auf dem Blech. Ab in den Herd, backen wir das Zeug halt im Ganzen.
Blöde Idee! Sehr, sehr blöde Idee!

Hundehalter sind ja von Haus aus Kummer gewohnt. Güllefelder, Durchfallflatschen, frischer Pansen, Ochsenziemer – alles, was Otto Normalverbraucher Würgereflexe verursacht, stecken Kanidenfreunde locker als Minimalausdünstung weg..

Was aber Leberkeksteig im Herd anstellt, spottet jeder Beschreibung. Die Küche ist verqualmt – wieso lässt eigentlich der Rauchmelder nichts von sich hören -, Lucy hat sich in ihre Box verzogen, versteckt die Nase unter Kissen und Frauchen hofft inständig, dass sie erst in Ohnmacht fällt, wenn der Ehemann nach Hause kommt und den Rettungsdienst alarmieren kann.

Irgendwann ist die Backzeit dann doch abgelaufen, die Ofentüre geht auf. Aha. Soso. Sehr erfolgreiches Unterfangen. Ich wusste gar nicht, dass das Herstellen von Grillkohle so geruchsintensiv ist….

Selbst mein Mülleimer wendet sich mit Grausen ab, als ich den Leberkoks darin versenke.

Drei Tage später…

Nach mehreren mit viel Zwiebel und Käse zubereiteten Gerichten kann man die Küche wieder ohne Atemmaske betreten.
Lucy bleibt eisern bei Hühnchen mit Nudeln…

Spieglein, Spieglein an der Wand…

Landwirt Lauter ist ein Netter. Also ein richtig Netter. Mit einem schönen Hof und vielen Tieren. Und Kühen. Vor allem Kühen.

Alles Idylle könnte man folglich meinen. Aber manchmal hat das Landleben auch so seine Tücken und sorgt dann doch für schlaflose Nächte…

Da liegt also Landwirt Lauter eines Nachts in seinem Bett und träumt so vor sich hin; der Vollmond lächelt huldvoll durchs Schlafzimmerfenster, als ihm plötzlich auffällt, dass er vergessen hat, das Licht in der Milchkammer zu löschen. Also nochmal raus aus den gemütlichen Federn und runter in den Hof: „Wie jetzt? Wieso steht die Tür auf? Eigentlich bin ich sicher, dass ich sie geschlossen habe. Hm. Vielleicht liegt’s ja am Vollmond…“

Am nächsten Morgen ist alles wie immer. Die Kühe Karla, Karlotta, Käthe, Kunigunda – und wie sie alle heißen – sind gut gelaunt, geben fröhlich Milch und benehmen sich folglich wie ganz normale Kühe auf einem ganz normalen Hof. Die Sonne scheint und Landwirt Lauter hat gute Laune. Die Arbeit während des Tages geht ihm gut von der Hand und am Abend gönnt er sich zur Belohnung ein Gläschen Wein. Eines.
Wohlgemerkt. Ein einziges!

Hätte er einem zweiten zugesprochen, hätte er vermutlich nicht an seinem Verstand gezweifelt, sondern den erneuten Lichtschein, der nachts aus der Milchkammer drang, dem Alkoholkonsum zugeschrieben. Landwirt Lauter ist nämlich zuverlässig. Sehr zuverlässig. Mit viel Verantwortungsgefühl, denn schließlich liebt er seine Tiere – und die Kühe ganz besonders. Das Licht in der Milchkammer wurde somit definitiv gelöscht, die Türe zugezogen und alles nochmal kontrolliert.

Landwirt Lauter stellt den Wein zurück in den Kühlschrank und tappt zur Milchkammer. Da! Die Tür ist offen, das Licht ist an. Ludwig Lauter kriegt einen Schweißausbruch, geht in den Stall, zählt Karla, Karlotte, Käthe, Kunigunde und ihre Schwestern nach. Alle da. Keine gestohlen. Seltsam. Sehr seltsam.

So geht das in den nächsten Nächten weiter. Lauter legt sich auf die Lauer, um herauszufinden, was da los ist. Und wieder: Licht in der Milchkammer, die Tür ist offen. „Her mit der Heugabel, wehe dem, der meinen Kühen etwas antun will.“ Lauter staunt nicht schlecht über das, was er dann zu sehen kriegt. Die Kuh Kuni steht in der hell erleuchteten Milchkammer, muht ihrem Melker freundlich zu und trabt zurück in den Stall. Ihre Schwestern schlafen schön…

In der nächsten Nacht Anruf der Nachbarn: „Lauter, kannst du bitte mal kommen, deine Kuh geht bei uns spazieren…“

Mittlerweile hat unser Lieblingslandwirt schwarze Ränder unter den Augen, das Schlafdefizit hat ganze Arbeit geleistet, was zur Folge hat, dass Lauter in der folgenden Nacht in einen tiefen, komatösen Schlaf fällt.

Ja, was soll man sagen, am nächsten Morgen steht die Tür der Milchkammer auf, das Licht ist an… Und der Spiegel, der dort an der Wand hängt, weist seltsame Schmutzspuren auf. Kein Mensch zu sehen, es fehlt nichts, alle Kühe noch da.

Lauter ist gefrustet, beschließt, künftig nachts wieder zu schlafen…

Aber das Schauspiel geht weiter. Tür ist offen, Licht ist an und der Spiegel ist verschmiert.

So. Jetzt will er’s wissen. Schlafdefizit, schwarze Ränder unter den Augen hin oder her. Lauter geht mehrere Nächte nacheinander nicht mehr ins Bett. Und was passiert: Jede Nacht das Gleiche und wenn es nicht Familienmitglieder oder Nachbarn bestätigt hätten, Lauter wäre freiwillig mit den Leuten, die weiße Turnschuhe tragen und Jacken mit den seltsamen Ärmeln haben, mitgegangen…

Kuh Kuni schleicht sich aus dem Stall, schafft es, die Tür zur Milchkammer zu öffnen, stupst mit der Nase auf den Lichtschalter und betrachtet sich selbstverliebt im Spiegel. Jede Nacht dasselbe Spiel: „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die schönste Ku(h)ni im ganzen Land?“

Ob der Spiegel geantwortet hat, ist leider genauso wenig überliefert, wie die Antwort auf die Frage, ob Landwirt Lauter seiner Kuni-Kuh Makeup, Kamm und Lippenstift geschenkt hat. Aber wenn sie nicht gestorben ist, befragt sie heute noch den Spiegel und Lauter kann wieder gut schlafen…

(Beruht auf einer wahren Begebenheit.)

Atemlos in der Nacht

(Was rein gar nichts mit dem Song eines nicht näher genannten Schlagersternchens zu tun hat…)

Labrador Lars ist ein liebes Wauzi. Ein ganz lieber Hund, der seinem Frauchen viel Freude bereitet. Was vermutlich auch daran liegt, dass die beiden schon viele Jahre miteinander teilen. Im Volksmund heißt es, dass Hund und Halter sich im Laufe der Zeit immer ähnlicher werden und so wundert es auch nicht, dass sich im Pelz der Zwei, also in der Frisur des Frauchens und dem Fell von Fifi, mittlerweile ein paar liebenswerte silberweiße Strähnen zeigen. Will heißen, Lars und seine Hundemama sind schon ein paar Tage länger durchs Leben getappt, was zur Folge hat, dass sich ab und an einige Wehwehchen einstellen.

Wie bereits erwähnt hat Lars also ein großes und gutes Herz, das allerdings manchmal ein ganz klein wenig schwächelt. Dank fortgeschrittener Tiermedizin macht das aber normalerweise keine größeren Probleme. Regelmäßige Kontrollen und Überprüfung der Medikation sind außerdem Ehrensache. Sowohl für die Hundemama als auch für das komplette Personal der Tierarztpraxis.

Alles im Griff also. Könnte man meinen. Wäre da nicht der Tag X gewesen, der den verantwortungsbewussten Veterinär fast in die Verzweiflung getrieben hätte…

Irgendwann mitten in der Woche und vor allem mitten in der Nacht: Notfalltelefon! Die Nummer kennt der Tierarzt. LARS! Der war aber doch erst am vorangegangenen Abend in der Sprechstunde. Hat Frauchen was vergessen? Quatsch. Blödsinn. Das wäre doch beim Aufräumen der Praxis aufgefallen.

Was ist los? Hat sich der Labby verletzt? Völlig aufgelöst meldet Frauchen: „Oh weh, oh weh, kaum waren wir zu Hause, ging es Lars ganz schlecht. Er jault und fiept, wälzt sich auf dem Boden und ist völlig verstört. Der Arme hat ganz schreckliche Schmerzen und ich habe gar keine Ahnung, woher die kommen könnten. Ich habe alles gemacht wie immer…“

Normalerweise rechnen Tierärzte, wenn nachts das Telefon läutet, mit Spontangeburten bei ihren Schützlingen und ähnlichen Dingen und schalten nicht sofort in den Katastrophenmodus. Larsens Frauchen hört sich allerdings in der Tat ziemlich besorgniserregend an und folglich wird der leidende Labby umgehend wieder in die Praxis einbestellt. Licht an, Geräte einschalten und überlegen…

Was um alles in der Welt könnte denn da passiert sein? Alle Untersuchungsergebnisse waren wie immer. Nichts Auffälliges. Weder im Verhalten des Vierbeiners noch in den akribisch kontrollierten Blutwerten.

Labby trifft samt Frauchen in der Praxis ein und der Tierdoktor wundert sich: „Bin ich noch nicht ganz wach? Träum ich? Eigentlich macht der Hund doch einen ganz entspannten Eindruck?“

„Ja, komisch“, wundert sich mittlerweile auch das Frauchen. „Zu Hause dachte ich, sein letztes Stündchen hat geschlagen und kaum waren wir im Auto, hat er sich zusehendes beruhigt. Versteh ich nicht.“ Der Vet weiß, dass das nette Frauchen nicht zu Hysterie oder Übertreibungen neigt und ist ratlos. Erneuter Komplettcheck von Wauzi. Alles in Ordnung. Das Tier ist tiefenentspannt und darf wieder nach Hause.

Hm, vielleicht haben ja auch Hunde ab und an Alpträume und sind dann verstört.
Grübelnd krabbelt der Doc wieder ins Bett, versucht, zum Schlaf zurückzufinden. Döst ein, um kurze Zeit später wieder vom Telefon hochgeschreckt zu werden, und der geneigte Leser ahnt es schon: LARS!

Am anderen Ende der Leitung weint das Frauchen: „Herr Doktor, es tut mir so leid, Sie schon wieder zu stören. Aber es geht schon wieder los. Lars leidet, jault, fiept, versucht sich zu verstecken…“

Dem Tierarzt bricht der Schweiß aus. Er zweifelt an seiner Kompetenz. Hat er die Medikamente verwechselt? Passt die Dosierung nicht? Hat er etwas übersehen?
Labby trifft samt Frauchen in der Praxis ein und der Tierdoktor wundert sich. Wie bereits eine Stunde zuvor. Das Tier ist tiefenentspannt, Frauchen berichtet erneut von einer problemlosen Autofahrt. Noch ein Check und Lars darf wieder nach Hause.

Der Doc hat sich mittlerweile von dem Gedanken verabschiedet, wieder einschlafen zu können und wird kurze Zeit später erneut vom Telefon aus seinen Grübeleien hochgeschreckt. Sein Blutdruck steigt zu nachtschlafender Zeit wie nach einem Marathonlauf und der Puls pocht bis zum Hals…

„Herr Doktor, Herr Doktor, bitte nicht böse sein, dass ich nochmal Anrufe. Ich fürchte, Sie können ohnehin nicht schlafen, weil Sie doch vorhin so besorgt waren. Da dachte ich mir, ich gebe Entwarnung, des Rätsels Lösung ist gefunden…“

Wie wir wissen, ist nicht nur Lars den Welpenschuhen entwachsen sondern auch die Hundemama nicht mehr im Teenageralter. Und da hört Frau ja manchmal nicht mehr so ganz gut und ist auf kleine technische Hilfsmittelchen angewiesen, die abends auf dem Nachttischchen abgelegt werden…

Und so kam es, dass sich aufgrund schwächelnder Batterien mitten in der Nacht der Rauchmelder bösartig bemerkbar gemacht und den armen Hund in Angst und Schrecken versetzt hatte, was Frauchen leider nicht hören konnte.

Für den dritten Anruf in jener Nacht war der treusorgende Tierarzt dann auch richtig, richtig dankbar…

Französische Lebensart

Baby ist eine Bulldogge. Eine Französische Bulldogge. Charmant und dem Savoir Vivre sowie der schönen Lebensart zugetan. Also gut, Nichthundemenschen würden das vielleicht schlicht und einfach verfressen nennen, aber Babys Frauchen betitelt das als „kultiviert“.

Tja, das ist so eine Sache. Menschen und Hunde – oder umgekehrt – werden sich ja angeblich im Laufe der Zeit immer ähnlicher. Wen wundert es also, dass Frauchen ebenfalls verfressen -entschuldigung kultiviert – ist? Champagner und schönen Wein, so er denn keinen Alkohol hätte, durchaus in größeren Mengen konsumieren könnte?

Wie auch immer. Frauchen hat eine Nichte. Und die ist wirklich kultiviert. Macht eine Ausbildung in einem noblen Sterneschuppen. Da liegt natürlich nichts näher, als zusammen mit der Vier-Pfoten-Französin dort auf- und sich den Bauch vollzuschlagen. Habe ich schon erwähnt, dass in den meisten Luxuslokalen Hunde nicht nur geduldet, sondern durchaus mal erwünscht sind und nach Strich und Faden verwöhnt werden? In dem Super-Sterne-Schuppen ist das jedenfalls so. Baby darf auf einer eigenen Decke auf der Bank sitzen und kriegt selbstverständlich das Wasser im Grün-macht-gute-Laune-Napf direkt angereicht. Nicht dass Wauzi sich womöglich am Boden verrenken muss. Dass Baby Wasser, sei es von oben, unten oder im Napf nicht allzu zugetan ist, kann das beflissene Personal ja nicht riechen. Ist aber auch egal, denn das frankophile Felltier benimmt sich erstklassig. Bettelt nicht am Tisch, wartet brav, bis Frauchen aufgegessen hat, um dann auf Empfehlung der Nichte – „…da müsst ihr unbedingt hingehen, der Barkeeper ist der Hit…“ – samt Frauchen und deren Ehemann noch in die zum Lokal gehörige Bar zu tapeln.

Die nette Nichte hat Recht. Der Barkeeper IST der Hit. Kaum hat Wauzi die erste Pfote dort aufs Parkett gesetzt, kommt auch schon die Frage: „Mag der Hund ein bisschen Wasser?“ Sehr zuvorkommend. Frauchen schätzt sowas. Doggie first. Dass Wasser, wir hatten das ja, glaube ich, schon erwähnt, nicht zu Babys Favourites gehört, kann der arme Mensch ja nicht wissen.

Herrchen schmunzelt und klärt auf: „Hm, ja, Wasser, nun, das mag das Vieh eigentlich nicht so gerne…“

„Ja, was trinkt der Hund denn dann?“

Gutes Essen macht lustig und bewegt das sonst so wortkarge Herrchen zu Scherzen: „Na ja, so Wein und Champagner und halt was es in Frankreich sonst so Leckeres gibt…“

Der Barkeeper verschwindet, um in gefühlt einer Zehntelsekunde mit einem bis zum Rand gefüllten Wassernapf wieder auf der Bildfläche zu erscheinen. Baby, die sich sonst eher in, sagen wir mal, gemäßigtem Tempo bewegt, hechtet, als sei sie am Verdursten, darauf zu.

Herrchen und Frauchen im Chor: „Das gibt’s doch nicht, unser Hund trinkt Wasser! Jippie!“

„Wieso Wasser? Ich denke, der Hund mag das nicht? Das ist Prosecco!“

Frauchen, das sich sonst noch gemäßigter als ihr Hund bewegt, mutiert plötzlich zum Tempowunder, schnappt sich den Napf und bereitet dem Bully damit eine herbe Enttäuschung.

Der Barkeeper wundert sich noch heute. Gäste in der Sternegastronomie sind ganz eindeutig sehr, sehr seltsame Wesen. Kein Wunder, dass die Hunde dort verwöhnt werden, die sind deutlich einfacher…

Der Arm wird warm

Temperaturen zwischen 15 und 20 Grad im Minusbereich und dicke Schneeberge in Wald und Flur mögen ja für so manchen winterbegeisterten Schneehasen für Freude und Vergnügen sorgen, bei einigen Berufsgruppen hält sich die Begeisterung allerdings in überschaubaren Grenzen.

Bei der Feuerwehr und den anderen Rettungsdiensten zum Beispiel. Halt bei all denen, die trotz widriger Wetterwerte das Haus verlassen müssen. Und das durchaus zu, sagen wir mal, suboptimalen Tages- oder Nachtzeiten.

Für Tierärzte, so meinen manche Miezen-, Wauzi-, Hasi- oder andere Kleintierhalter, ein geringes Problem. Werden die flauschigen Fellfreunde, von gut bepelzten Hunden mal abgesehen, doch meist in kuschelig ausgepolsterten Transportboxen in die Praxis gebracht. Wo es schön warm ist, was den Widerstand, die veterinärmedizinische Folterkammer zu betreten, bei den Vierbeinern deutlich geringer als im Sommer ausfallen lässt. So weit, so gut…

Wären da nicht auch die etwas größeren Patienten. Diejenigen, die außerhalb der Stadt oder des Städtchens auf landwirtschaftlichen Höfen leben. Die werden nämlich auch mal krank. Stundenplan oder Uhrzeit sind den Verletzungen, Viren und Bakterien auch im Winter wurscht.

Will heißen: Frühdienst, Spätdienst, Nachtschicht für den Vet. Der muss dann raus. In die Kälte. Auf eisige Straßen. In den Schnee. Die obligatorischen Gummistiefel halten da nicht allzu warm und mit fellgefütterten Fäustlingen kann man in diesem Job halt nicht arbeiten. Vielmehr sind dann diese kalten Plastikdinger, die man sich bis zur Schulter ziehen kann, angesagt.

Das, was dann kommt, mögen manche Menschen vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig empfinden, kältegeplagte, durchgefrorene Tiermediziner können diesem Procedere im Winter jedoch durchaus etwas abgewinnen:

Denn macht die Kuh dann Muuuh, wird der Arm bald warm…

Der Kuh wird geholfen und der Doc muss auf dem Heimweg nicht mehr ganz so stark frieren.

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Lämmchen Lilly

Tierärzte sind Kummer gewohnt.

Kummer in Form von karger Freizeit, kalbenden Kühen, die sich nicht an die naturgegebenen, natürlichen Verhaltensweisen halten, Welpen, die wenigstens mit Hilfe des Veterinärs das Licht erblicken wollen usw., usw…

Umso mehr schätzen verantwortungsvolle Tiermediziner da natürlich kompetente Menschen, die sich nicht nur der Tierhaltung verschrieben haben, sondern obendrein noch Ahnung von der Materie haben, mit der sie täglich Umgang haben.

Schafzüchter beispielsweise. Schäfer, die genau wissen, was sie tun, denen das Wohl ihrer Wollwesen wichtig ist und am Herzen liegt.

Und wenn diese Menschen das seit vielen, vielen Jahren pflegen, kann eigentlich kaum etwas schiefgehen und das pastoral geprägte Schäferehepaar kann sich gelegentlich auch einige wenige Tage Urlaub gönnen. Denn da gibt es ja noch die Tochter im Twenalter, die ebenso tierlieb tickt und die fälligen Fütterungen während der Abwesenheit der Eltern gerne übernimmt.

Der kurzen Auszeit am nördlichen Meeresgestade steht also nichts mehr im Wege. Strandspaziergänge, wogende Wellen und feine Fischmahlzeiten im Fischereihafenrestaurant sind angesagt…

Wäre da nicht Schäfchen Schönhilde, jung und zum ersten Mal Mutter werdend, die ob ihrer Unerfahrenheit ein wenig eigene Wege geht. Töchterchen Tonja jedenfalls fällt aus allen Wolken, als sie sich plötzlich einer jäh einsetzenden Lammgeburt gegenübersieht, die viel früher als erwartet auf sie zukommt. Was tun?

Na gut. Man könnte den Tierarzt anrufen, aber in all der Aufregung ist dessen Telefonnummer natürlich nicht parat. Was ziemlich blöd ist, weil Lämmchen Lilly beschlossen hat, nicht wie üblich zuerst mit den Füßen den bequemen Bauch der Mutter zu verlassen, sondern erstmal mit dem Köpfchen neugierig in die neue Welt außerhalb des Mutterkörpers blicken will.

Der Adrenalinspiegel steigt. Nicht nur bei Schaf und Lamm, sondern in allererster Linie bei der unfreiwilligen Hofhebamme…

Die Handynummer der Eltern ist parat, also wird dort angerufen…

schaf

Szenen- bzw. Standortwechsel. Fischrestaurant am Hafen. Vollbesetztes Lokal. Schäfer und Schäferin befinden sich inmitten gustoorientierter Gäste und genießen Garnelen, Scholle und sonstiges Meeresgetier. Handyläuten. Wer stört?

„Papa, Papa, Schönhilde ist viel zu früh dran und Lilly will mit dem Kopf durch die Wand bzw. zuerst aus dem Bauch. Was mach ich denn jetzt?“

Notsituation. Bis der Tierarzt vor Ort ist, ist alles zu spät. Sofortiges Handeln ist angesagt. Also gibt’s Anweisungen vom Schäferpapa:

„Pass auf, du machst jetzt die Augen zu, denn wenn man nichts sieht, fühlt man besser. Ärmel hochkrempeln und den Kopf des Kleinen in die Gebärmutter zurückschieben…“ Den Gästen am linken Nebentisch fällt die Gabel aus der Hand, die Leute auf der rechten Seite kriegen lange Ohren.

„So. Und jetzt suchst du die Beine und versuchst, sie zu fassen…“
Die Geräuschkulisse im Lokal verstummt, weicht einem betretenen Schweigen. Leistet da ein Gynäkologe ferne Geburtshilfe? Frauen werden blass, Männer kriegen Atemnot…

Der Schäfer kriegt gerade noch raus, „nein, nein, hier handelt es sich nicht um ein Menschenbaby…“, bevor die nächsten Anweisungen folgen.

Im Fernsehen geht sowas als Reality-TV durch, im Fischlokal überdenken die Gäste mittlerweile ihr Dasein ganz neu, in der nächsten halben Stunde wird das Essen auf den Tellern kalt, das Service-Personal steht stumm in der Ecke rum und irgendwie dreht sich plötzlich bei urlaubsverwöhnten Zeitgenossen die Uhr auf eine ganz andere Weise…

Bis plötzlich der erlösende Satz durch das Lokal dringt: „Super, klasse, alles richtig gemacht!“ Mutterschaf und Lammnachwuchs sind wohlauf…

Die Tochter am anderen Ende der Telefonleitung ist unendlich dankbar für den „unglaublichsten, besten, beglückendsten Moment in ihrem bisherigen Dasein“, in dem sie einem anderen Wesen möglicherweise das Leben am seidenen Faden gerettet hat, und die Gäste freuen sich über die Lokalrunde, die der stolze und sehr gerührte Vater von Tochter und jahrelang erfahrene Schafzüchter schmeißt…

schafe

Flohalarm

Sommer. Urlaub. Wonnezeit. Frauchen frönt mit Wauzelchen Lucy im Garten dem süßen Nichtstun und streckt entspannt die Füße auf den fröhlich plätschernden Brunnenrand. Hundi ist tiefenentspannt und rührt sich nicht, lässt sich die Sonne auf den Pelz scheinen…
Autsch! Mücken, Moskitos und sonstiges, stechendes, fliegendes Viehzeug mag das Geplätscher offensichtlich auch ganz gern und die Beine des faulen Frauchens anscheinend noch mehr, hat Appetit auf eine Blutmahlzeit. Lucy, die aus einer Rettungsstation in Transsilvanien, gut, manche Leute nennen das heute Rumänien, stammt und eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Vampirchen hat, wird von ihnen in Ruhe gelassen, die Mikro-Drakulas stürzen sich nur auf die genervte Hundehalterin.
Nein! Sich im Haus vor den Miniaggressoren zu verschanzen, ist keine Option, so ein paar Stiche muss man schon in Kauf nehmen und deshalb werden die Nachbarn zur Happy Hour auch in den Garten gebeten.
„Ach herrje. Wie siehst du denn aus? Die Einstiche der Biester sehen ja aus, als hätten sie eine Linie mit dem Lineal gezogen. Soooo viele…“ Im Frauchen regt sich ein Verdacht. Blick auf den Hund. Nö. Alles gut. Hundi ist immer noch im Faulpelz-ich-rühr-mich-nicht-Modus. Na gut. Her mit der chemischen Keule gegen den Juckreiz.
Hilft nur nicht wirklich, das Zeug. Am nächsten Tag mutiert die Einstichstraße zur zwickenden, zwackenden rote-Punkte-Autobahn, Flensburg würde dafür Fahrverbot verhängen. Sollte das vielleicht doch…?
 
Anruf in der Tierarztpraxis des Vertrauens: 
„Ihr müsst Lucy auf Flöhe untersuchen!“
„Kratzt sie sich?“
„Nö, aber ich mich.“
„Na, wenn dem Hund nichts fehlt, sind das bestimmt keine Flöhe“, versucht mich die Tierarzthelferin zu beruhigen.“ Aber wenn es dich beruhigt, kannst du ja gleich mal vorbeikommen.“
Gesagt, getan. Vampirchen wird in die Praxis verfrachtet.
Erste Frage vom Doc: „Sag mal, hast du Igel im Garten?“
„Na klar. Zwei sogar. Einen großen und einen kleinen.“ Der Stolz in der Stimme der roten-Punkte-Autobahn-Trägerin ist nicht zu überhören.
„Na dann. Alles klar. Schau ma mal…“
Und tatsächlich. Der Flohkamm bringt es an den Tag bzw. das weiße Papier: Viele, viele rote Punkte. Der Beweis. Lucy, die großes Interesse am Igelhaus gezeigt und versucht hatte, dieses von innen genauer zu inspizieren, fungiert als Flohtaxi.
Neeeiiiiin! Was nun? Was tun?
 
„Spot on auf den Hund, Schlafplatz mit Antiflohspray behandeln, dann sollte das gut sein.“
„Aber Lucy schläft bei mir im Bett!“
„Oh, dann halt die Bettwäsche am besten bei 90 Grad in die Maschine…“
„Und das Sofa im Wohnzimmer? Der Kuschelsessel? Der Liegeplatz im Arbeitszimmer…?“ 
Frauchens Domizil ist quasi eine begehbare Hundehütte und somit das perfekte Wohngebiet für eine ausgedehnte Flohpopulation.
„Dann bleibt nur der Fogger!“ Aha. Nebel. Die Parasiten-Beherbergungs-Hundehalterin kennt den Film „Fog – Nebel des Grauens“ und ahnt Böses.
 
Ha! Gegen das, was dann kommt, ist der Horrorschocker eine lustige Komödie…
In einer begehbaren Hunde-WG gibt es nämlich nur wenige Türen. Wie um alles in der Welt sollen dann die Zimmer mit dem Nebelzeugs vernünftig bedampft werden? Guter Rat ist in diesem Fall zum Glück nicht allzu teuer. Verkleben wir die Eingänge halt mit Folie. Ein bisschen Nachdenken wäre vielleicht besser gewesen als übereifriger, voreiliger Aktionismus, denn plötzlich hat sich Madame Flohfeindin im Wohnzimmer eingesperrt, muss durch den Garten fliehen und durch die Fronttüre zurückkommen… Na ja. Man lernt ja gerne dazu. Nachdem Erdgeschoss, erste Etage und Dachgeschoss also in eine oscar-verdächtige-Horrorfilmszenerie verwandelt werden, begeben sich Vier- und Zweibeiner erst mal auf eine lange Gassirunde. Die Mini-Drakulas auf dem Wauzvampirchen haben sich inzwischen verabschiedet, Frauchen hat mehrmals geduscht, aber der Juckreiz bleibt, wenn sie nur an den Flohzirkus denkt.
Wer glaubt, besagter Zirkus hätte jetzt ein Ende, der irrt. Antiflohbedampfte Wäsche muss gewaschen werden, und diese Aktion mutiert zum Frauchen-Fitness-Training. Vierzehn Trommeln Wäsche stehen auf dem Programm. Es gibt ja sonst nichts zu tun im Urlaub. Und bei einigen Dingen empfiehlt es sich, in der Zukunft gleich ganz darauf zu verzichten. Sperrmüll muss angemeldet werden. Unglaublich, wieviel Platz doch so ein Reihenhauskeller bietet. Was sich da im Laufe der Jahre alles angesammelt hat. Eieiei. Raus damit.
Nach einer weiteren Woche ist Platz geschaffen. Der mutige Ehemann der Flohfrau hat heldenhaft alle Igelbehausungen in eine Ecke des Gartens, zu denen Lucy keinen Zugang hat, umgezogen, und die Minimäuschen, die bis zur Flohinvasion auf der Terrasse fröhliche Urständ feiern durften, aus Angst, dass auch sie betroffen sein könnten, gleich mit.
Fazit:
Nach zwei Wochen war das Haus so blitzeblank wie noch nie vorher, Ballast aus dem Keller per Entrümpelung abgeworfen und Lucys Frauchen drei Kilo schlanker…
 
Die Igel haben übrigens alles gut überstanden, trafen sich immer wieder zu stacheligen Schäferstündchen auf der Wiese, sorgten für Nachwuchs, logieren mittlerweile in einem eigenen, abgelegenen und ruhigen Refugium und Flöhe haben keinen Zutritt mehr.
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Dann klappt’s auch mit der Nachbarin…

Frauchen, also die Halterin von Bulldogge Baby, ist Single. Überzeugter Single. „Lieber lass‘ ich mir meinen Teppich versauen als das ganze Leben…“ ist ihre
Devise. Dennoch: Madame ist Philantrop. Sie mag auch Menschen, nicht nur Hunde. Man muss ja nicht gleich die ganze Kuh kaufen, wenn man einen Schluck Milch trinken möchte, sprich, Freundschaften pflegen, nett und hilfsbereit sein, kann man auch ohne Y-Träger im eigenen Haushalt. Das tut dem Glück keinen Abbruch…

Was dem Glück allerdings ziemlich im Wege steht, ist einen Abwasserhebeanlage, die einem ständig die Fäkalien um die Ohren spült, den geliebten Vierbeiner dem Tod durch Ertrinken ins Auge sehen lässt. Ergo: Ein Umzug steht an. In ein Mehrfamilienhaus. Ganz nach oben, dorthin wo nichts überlaufen kann.

Und weil unsere Philantropin Wert auf ein gedeihliches Miteinander Wert legt, tappt sie von unten nach oben durchs Haus und stellt sich den Nachbarn vor. Wunderbar. Sogar ein weiterer Vierbeiner und künftiger Spielkamerad für Baby wohnt dort. Alle sehr nett. Der Blick in die Zukunft verfärbt sich ziemlich rosig…

So. Steht nur noch die Vorstellung in der direkt gegenüberliegenden Wohnung an. Frisch ans Werk, den Einkaufskorb noch in der Hand, Finger auf den Klingelknopf.

Dingdong. Dingdong. – Hm, scheint niemand zuhause zu sein. The „New Kid In Town“, also unsere „Jenny-Come-Lately“, will gerade wieder gehen, als sich die Tür
einen Spalt öffnet und ein mürrisches Gesicht unter einer mittlerweile verschwundenen Haarpracht erscheint.

„Schönen guten Tag, ich bin die neue Nachbarin. Wollte mich nur kurz vorstellen. Ich wohne jetzt gegenüber und habe einen kleinen Hund…“  Weiter kommt sie nicht.

„Macht nix. Ich fress‘ keine“, und rumms ist die Tür wieder zu.

Na, das kann ja heiter werden! Ein Misantrop Tür an Tür.

Was soll’s! Die nächsten Tage verlaufen ruhig, der Misantrop verhält sich ruhig. Die Nachbarn beschwichtigen: „Ach ja, der sitzt da in seinem Elfenbeinturm, von dem hört und sieht man kaum was.“ – Puh!

Stimmt. Vom misantropischen Rapunzel sieht und hört man kaum etwas. Vielleicht liegt’s ja am fehlenden Blondzopf. Egal. Hauptsache Ruhe und Frieden.

Aber! Auch Einsiedlerkrebse müssen sich gelegentlich dem Tageslicht aussetzen und so kommt’s, dass sich die Phil-Mis-Antropen eines Tages von Angesicht zu
Angesicht im Treppenhaus gegenüberstehen. Beide Wohnungstüren weit offen. Bulldogge Baby, sonst eher dem Dolce Far niente sehr zugetan, springt vom
gemütlichen Sessel und schlägt wie der Blitz auf dem Nachbarssofa ein.

Ach du grüne Neune. Frauchen ruft ihren Hund, der sonst bereitwillig jeden ihrer auch nur angedachten Wünsche erfüllt, scheint urplötzlich einen Hörsturz erlitten zu haben und der Taubheit anheimgefallen zu sein. Frauchen kriegt Schweißausbrüche, Herzrasen und malt schon den vielbeschriebenen Teufel an die Wand des Treppenhauses. Mag ja sein, dass der Typ keine Hunde frisst, aber womöglich kettet er sie an die Heizung, zieht ihnen erst das Fell über die Ohren und dann ganz ab…. Au weia!

„Baby, komm her zu mir!“

Nichts! Keine Reaktion. Peinlicher geht’s nicht.

Der Rapunzelnachbar steht entspannt daneben und rührt sich im Treppenhaus ebenso wenig wie der sture Bulldoggenschädel auf dem Sofa im Nachbarswohnzimmer.

Was hilft’s. Mut zusammennehmen und fragen: „Entschuldigung, das macht mein Hund sonst nie. Darf ich kurz reinkommen und ihn mitnehmen?“

„Nur zu. Kein Problem.“ – Ui, schau, der kann ja auch nett sein.

Frauchen schleicht zum Wauzi, das sich tiefenentspannt auf den Lederpolstern rekelt und keinerlei Anzeichen macht, sich freiwillig wieder vor dort wegzubewegen, deshalb aufgesammelt werden muss wie ein nasser Sack.

Ach ja. Täglich grüßt das Murmeltier. So geht das weiter. Tag für Tag. Woche für Woche. Monat für Monat. Sobald sich die Nachbarstür öffnet, fahren ungeahnte Kräfte in das sonst so faule vierbeinige Faulpelzchen und das Sofa gegenüber zieht Wauzi an wie ein Magnet die Eisenspäne… Und der Keine-kleinen-Hunde-fressende-Rapunzel-Nachbar-Misantrop entwickelt sich peu à peu zum netten hilfsbereiten Zeitgenossen, der seiner neuen Nachbarin Regale an die Wand dübelt, sie mit Hackfleischklößchen in seine Küche lockt und eines Tages das schmutzige Geschirr aus ihrer Küche entführt und in seine Spülmaschine packt. Und da er die in der Werbung vielgepriesenen Calgon-Tabs verwendet, klappt’s schließlich auch mit der Nachbarin…

Zwei Jahre später steht Baby mit Schleifchen am Halsband als Trauzeugin für die Beiden im Standesamt…

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Wo man nichts sieht, ist fühlen keine Schande…

Schlurp, gschlumpf… igitt… Weich, warm und wabbelig klebt es an den Schuhsohlen. Das Zeug, das Nichthundehalter, die normalerweise halbwegs friedliche Zeitgenossen sind, zu Berserkern besonderer Art mutieren und verantwortungsvollen Herrchen und Frauchen Flüche und Verwünschungen entfleuchen lässt. Dass gedankenlose Gassigeher sie alle unter Generalverdacht geraten lässt, gefällt ihnen nämlich gar nicht: Hundehaufen, die genau dort auftauchen, wo man sie gar nicht gerne hat.

Nein. Selbst hartgesottene „Hunderer“, die nichts aus der Ruhe oder der Fassung bringen kann, mögen es nicht, in Hundehaufen zu treten. Es soll ja Leute geben, die mit ihren Wauzis barfuß unterwegs sind, um sicherzustellen, dass die Wuffipfoten auf heißem Untergrund nicht verletzt werden; und die sind nicht unbedingt von Euphorie überwältigt, wenn ihre Zehen in auf dem heißen Asphalt zartschmelzende, von ganz besonderem Duft geprägte Masse sinken.

Na ja. Wie auch immer. Genau die sind es, die die Verdauungsendprodukte ihrer Vierbeiner akribisch in Tüten einsammeln, wie Handtäschchen kilometerweise mit sich herumtragen, um sie dann in dafür vorgesehenen Behältnissen zu versenken. Apropos Handtaschen. Während weibliche Zeitgenossen meist jederzeit Lippenstift, Puder, Mascara oder Kajal aus Hand-, Jacken- oder Jeanstaschen ziehen können, finden sich bei Hundehalterinnen ebendort nur krümelige Kekse oder besagte, verkrumpfelte Plastiktütchen.

Auf jeden Fall sind oben beschriebene Hundeleute gern gesehene Gäste. Dass da ein unvorhergesehenes, unangenehmes Malheur auf dem teuren Teppich oder dem penibel gepflegten Parkettboden passiert, ist ziemlich unwahrscheinlich. Na ja. Hundi und Hundine haben aber meist ihre Eigenarten. Da gibt es einen lang ausgedehnten Spaziergang vor dem Weinabend bei den Freunden und was passiert? Nichts passiert. Der Pelzpartner verweigert sich. Nix mit Häufchen. Also gut. Wauzi wird’s schon wissen.

Kaum angekommen im dritten Stock des Mehrfamilienhauses dreht Wauzelchen auf dem Perser unter dem Couchtisch Pirouetten, schnuffelt in Küche und Gang, kratzt an der Balkontür. Prima. Frauchen stellt das eben aufgefüllte Weinglas ab, leint Hundi an, klemmt den Köter unter den Arm und nimmt Kurs auf die Grünfläche rund ums Haus. Blöd nur, dass es mittlerweile dunkel geworden ist und im Gartengrundstück keine Laternen leuchten. Aber der Hund muss. Das Grundstück ist groß, das Gras ist hoch. Hundi hechelt an der Flexileine. Schnuffelt, schnuppert, sucht. Meine Herren, wer glaubt, Frauen seien nicht entscheidungsfreudig, der hat noch nicht erlebt, wie wählerisch Wauzis auf der Suche nach einem passenden Platz für den Haufen sind…

Frauchen hat sich mittlerweile unter Aufbietung aller Orientierungskräfte durch den stockdunklen Außenbereich gepirscht und Hundi durch die typische Haltung signalisiert, dass endlich Erfolg zu vermelden sei. Prima. Raus mit der Tüte und rein mit dem Haufen. Ähm. Ja. Hm. Es ist dunkel. Sehr dunkel. Zu dunkel, um den Haufen mit den Augen zu erspähen. Was dann geschieht, lässt die Nachbarn des Mehrfamilienhauses das Lieblingsprogramm, egal ob Krimi oder Soap vergessen. Im Treppenhaus wird das Licht eingeschaltet, um wenigstens ansatzweise mitzubekommen, was dort im Garten geschieht…

Hundi scharrt begeistert mit den Pfoten ob des soeben großartigen Erfolgs. Frauchen versucht, sich mittels verkürzender Flexileine an das Wauzi heranzutasten, ohne mit nackten Füßen in das soeben produzierte Produkt bestens funktionierender Verdauung zu tappen. Schwierig. Sehr schwierig. Was tun? Da gibt’s nur eines: Nasenarbeit. Nein, nicht die des Hundes, sondern die des Frauchens.

Frauchen geht in die Knie, Hexenschuss hin oder her. Schnüffelt wie vor wenigen Minuten ihr Fellbaby. Immer schön am Boden, im tiefen Gras. Da! Endlich! DER Geruch! Tüte raus. Zu sehen ist immer noch nichts. Aber zu riechen. Die Hand greift in die Tüte, tastet und wird fündig: Warm, weich, wabbelig…Wunderbar!  Und da nichts piekt, ist auch nicht ungewollt ein Igelchen im Plastikbeutel gelandet. Die Tüte wird verknotet, Wuffi zeigt den Weg zurück zum gemütlichen Heim der Freunde und einem entspannten Abend steht nichts mehr im Wege…

Die Schilderungen der Nachbarschaft sind am nächsten Tag in der Mittagspause am Arbeitsplatz sehr gefragt und sorgen für einen entspannten Wochenanfang…

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Analdrüsen

Ach ja. Immer diese Hundeleute. Ich geb’s zu, ein bisschen gewöhnungsbedürftig sind sie schon. Zumindest für Nichttierbesitzer…

Also. Da gibt es diesen supernettenleckeren Imbissstand. In prima Lage mitten im Städtchen. Und da sind nicht nur die diversen Imbissvariationen sehr ansprechend und verführerisch, ein paar nette Worte oder gute Gespräche gibt’s gratis oben drauf auf die Semmel.

Und ganz besonders angenehm für alle Beteiligten wird es, wenn man ein gemeinsames Lieblingsthema in Form von „Was gibt’s Neues von den Wauzis…?“ hat.  Ein bisschen ist das so wie bei Eltern oder Großeltern, die stets ein Leporello mit den Ablichtungen der nachkommenden Zweibeinergenerationen haben. Da werden dann Fotos mit vielen Aaaahs und Oooohs bestaunt und in den Augen blinken Begeisterungssternchen… Und hat Mann oder Frau gerade mal kein neues Bild parat – eine Geschichte gibt es immer. So geschehen mitten in der Woche, mitten in der Stadt…

„Haaaallo… alles im grünen Bereich? Was macht das Wauzi?“

„Ei, ei, ei, ich war ja mal wieder richtig in Sorge…“

„Ach herrje, was war denn?“

„Dreht sich doch die Maus in den letzten Tagen ständig im Kreis und rutscht irgendwie seltsam durch die Gegend. Hab ich natürlich sofort in der Praxis angerufen…“

Hundeleute, die die gleiche Rasse kennen und lieben, wissen, was das bedeutet. Das Fachpersonal der Veterinärklinik, das nicht wissen kann, um welche Rasse es sich genau handelt und selbstverständlich mitdenkt und fürsorglich ist, ahnt natürlich sofort den Super-GAU und bestellt Wuffi ein.

Die Doktores, die dann das Viecherl in Augenschein nehmen, können aber zum Glück Entwarnung geben. Es handelt sich nicht um einen Hirntumor, sondern lediglich um Analdrüsen, die den Vierbeiner nerven. Und ausgedrückt werden müssen…

Die mittlerweile mampfende Kundin und ihre erleichterte Imbisszurverfügungstellerin haben natürlich nichts Besseres zu tun, als das Thema genauestens zu besprechen, was deutliches Interesse einer weiteren Kundin, die genüsslich ihren Kaffee schlürft hervorruft…

„Wie, was? Was ist das denn?“

„Na ja, das sind Drüsen, die am Ende des Enddarms des Hundes liegen und ganz schön Ärger machen können?“

Die Kundin beißt genüsslich in ihre Semmel.

„Was denn für Ärger?“

„Na ja, die füllen sich und verursachen dann Schmerzen oder Juckreiz.“

„…und müssen dann ausgedrückt werden…“

Kundin mampft.

„Vom Tierarzt? Kann man das nicht selber machen?“

Kundin lobt das Essen.

„Na ja, irgendwie schon, wenn man….“

„Oh, ist das heute wieder lecker… , …sich das traut…“

„Wieso traut?“

Knurpsel, schnurpsel…

„Weil das sehr unangenehm ist für den Hund…“

Mampfel, mampfel…

„…und derjenige, der das macht, meistens beim Hund unten durch ist…“

Die Kaffeekundin ist nicht nur erstaunt, sondern auch höchst interessiert, begierig, mehr zu erfahren und rennt bei den beiden Hundemädels und deren Mitteilungsdrang offene Türen ein. Was folgt ist eine intensive Schilderung des Procederes, das das Wauzelchen vom Wehwehchen befreit, inklusive der Beschreibung des Geruchsszenarios…

„…also, das gehört wirklich zum Unangenehmsten, was ich an Geruch kenne…“

Mampf, mampf, mampf, ist das wieder lecker….

Die Kaffeekundin ist beeindruckt und will gerade tiefer in den Wissenserwerb zu dem olfaktorisch interessanten Thema einsteigen, als plötzlich den Biocanidenfreundinnen schlagartig bewusst wird, dass sich bereits eine hungernde Warteschlange von Zweibeinern gebildet hat, die sich zum Glück nicht von den rhetorischen Geruchsexzessen am besten aller Imbissstände haben irritieren lassen…

Guten Appetit!

 

Analdrüsen